Grundlage für diese Geschichte war eine kurze Anekdote, die mir ein alter Ueberauer im letzten Jahr erzählt hat. Ich habe herzhaft gelacht und habe ihn dabei zweifelnd angeschaut. „Däs konnsde mer ruhisch glaawe, däs is wohr wärklisch sou“ sagte er zu mir. Na ja, ich habe da meine Zweifel.

Otto aus Wiebelsbach war ein passionierter Kleintierzüchter. Sein ganzer Stolz waren seine Hühner, die rebhuhnfarbigen Italiener. Acht Hennen und ein Prachtexemplar von einem Hahn scharrten und pickten tagsüber in ihrem Auslauf nach Würmern und Körnern. Mit dem Hahn hatte er schon auf einigen Ausstellungen erste Preise gewonnen. Allerdings war der Hahn nicht mehr der Jüngste. Seine Tage waren gezählt. Auf ihn wartete der Kochtopf.

Um die Zucht erfolgreich fortsetzen zu können, musste er sich einen neuen, jungen Hahn besorgen. Er hatte einen Zuchtfreund in Hetzbach, der sich ebenfalls auf rebhuhnfarbige Italiener spezialisiert hatte. Deshalb setzte sich Otto, ausgestattet mit einem Transportkorb, in die Odenwaldbahn und fuhr nach Hetzbach. Heinrich freute sich über seinen Besuch und zeigte ihm sogleich seine Junghähne. „Do konnsde de oahn aussuche. Die sinn all gut geroore“. Otto sah sich die Junghähne genau an und suchte sich den kräftigsten und schönsten aus. Über den Preis wurden sie sich schnell einig. „Do druff misse mer oahn drinke“, sagte Heinrich. Mehr gähne emol niwwer in de „Griene Baam“, die missde uff hou.“

Sie saßen kaum, da fragte auch schon die Kellnerin: „Kriegd ehr zwaa Bier?“ „Ja, unn bring aa noch zwaa Korze mit“. Es dauerte nicht lange, da stand „es Gschbannsche“ vor ihnen auf dem Tisch. „Alla Prost“, sagte Heinrich. Mer dringe mol uff doin neije Gickel.“
Sie unterhielten sich über Hühner im allgemeinen und über „räbhuhnfarwische Idalljener“ im Besonderen. Otto bestellte die nächste Runde. Und so ging das eine Weile hin und her, bis er auf die Uhr sah, und mit schwerer Zunge sagte: „Ich muss uff, sunst krieh isch meun Zug nidd mähj.“

Er nahm seinen Käfig und wankte über die Straße in Richtung Bahnhof. Er erwischte gerade noch den letzten Wagen, stieg ein und ließ sich in einem leeren Abteil auf die Holzbank fallen. Den Käfig stellte er vor seine Füße. Er saß kaum, da schlief er auch schon ein. Nach einer Weile wachte er auf, „riwwelde sich die Aache“ und sah sich im Abteil um. Sein Käfig war weg. Als er schlief, war der Käfig unter die andere Bank gerutscht. Er war auch nicht mehr allein im Abteil. Ihm gegenüber saß eine junge Frau, die unterwegs zugestiegen war. Otto sah sich noch einmal um. Dabei entdeckte er den Käfig unter der anderen Bank. „Godd sei Dank, de Gickel iss noch do“, dachte er, und sagte zu der Frau, „Mache se mol die Boa venanne, isch will meun Gickel raus houle.“ „Wie sie den ersten Knopf aufmachen, ziehe ich die Notbremse,“ sagte die Frau zu dem verdutzten Otto.