Sagenhafter Odenwald

 

Es gibt in Deutschland kaum eine andere Gegend, die reicher an Sagen ist, als der Odenwald. Um fast jede geographisch oder geschichtlich bedeutende Stätte dieses Mittelgebirges hat sich im Laufe der Jahrhunderte ein Sagenkreis gebildet. Diese Sagen sind meist auf mündlicher Überlieferung beruhende Erzählungen, die sehr häufig an reale Gegebenheiten anknüpfen und diese phantasievoll ausmalen. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Wunderbare Pflanzen, Tiere, besonders sprechende Tiere, Irrlichter, die Irrwische oder Heerwische genannt werden, Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die Zauber sprechen und lösen können, die dann auch mit Hexen und Hexern zusammengetan werden, kommen in den Sagen vor. Sie können bannen (festbannen) und herbeizitieren, Schätze zeigen und verschwinden lassen.
Die Verfasser sind fast immer unbekannt. Bei der mündlichen Verbreitung solcher geheimnisvollen Taten und Erscheinungen erfuhren die Inhalte Umbildungen und Erweiterungen.
Die Sagen sind in der Hauptsache erst sehr spät, mit Beginn des 19. Jahrhunderts, aufgezeichnet worden (so Grimm 1812, Wolf 1853). Früher bestand auch wenig Bedürfnis zum Aufschreiben, denn die Sagen wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben und durch die Einfügung neuer Gedanken immer mehr erweitert und ausgesponnen.
Besonders viele Sagen ranken sich um die Ruinen Rodenstein, Schnellerts, die Starkenburg, den Otzberg. und den Breuberg. Aus der ehemaligen Herrschaft Breuberg stammt folgende Sage:

 

Die Hexenmühle von Neustadt

Stoffel Benz war der Müller der Mühle in Neustadt. Die Mühle gehörte den Grafen von Erbach. Vor langer Zeit, an einem Herbsttag, stand der Stoffel auf dem schmalen Mühlensteg. Er schaute sinnend in das Wasser der Mümling, das schäumend und rauschend in den Kasten des großen Wasserrades stürzte. Ächzend drehten sich die schweren Mühlsteine. Das Klappern der Mahlstühle war im ganzen Tal zu hören. Ein dünner Mehlstaub lag in der Luft. Er wehte, einer großen Wolke gleich, aus dem offenen Tor der Mühle.

Unbeweglich stand der Stoffel auf dem schmalen Steg. Er blickte wie im Traum in den Herbstnebel hinaus, der auf den feuchten Mümlingwiesen lag. Wie gespenstische Schatten zogen die Nebelschwaden langsam, wie von Geisterhänden getrieben, über das Tal, stiegen an den Hängen des Breubergs hinauf und verschwanden hinter dem Bergfried. Die Wolken glichen einer Herde Schafe, weißgrau und flockig. In diesem Gebilde glaubte der Stoffel auch den Schäfer zu erkennen, der mit diesen Wolken dahin schwebte.

Der Stoffel erschauderte. Da war er wieder, der alte Schafpeter, den sie vor einem Jahr auf dem Richtplatz verbrannt hatten. Oft hatten sie abends in der Mühle zusammen gesessen, der Müller und der Schäfer. Draußen heulte der Wind. Beim flackernden Schein des Kienspans erzählte der Schäfer dem Müller geheimnisvolle Dinge von der Hexenzunft im Breuberger Land und ihren nächtlichen Zusammenkünften. Das waren lustige Nächte. Der Teufel erschien dabei in der Gestalt eines schmucken Jägers, und der Clos von Rimhorn blies die Tutey (Flöte). Auch Schnecken und Mäuse hatten sie gemacht, die Frucht verdorben und das Vieh verhext. Das alles wusste der alte Schäfer, denn er war der Vertraute des Jägers. Von ihm hatte er seine Zauberkraft, mit der er und seine Gesellen die gewaltigen Sprünge machen konnten, bis hinauf auf die Schanze vor der Burg Breuberg und einmal bis hinüber an den Main, nach Mainflingen, wo der Schäfer auch der Meister der Hexen war.

Der Müller hatte dem Schafpeter Verschwiegenheit gelobt. Das quälte ihn manchmal, wenn er den Hexen begegnete. Denn nun war er Mitwisser geworden und in den Kreis des Bösen geraten. Wenn nachts in den sumpfigen Wiesen die Frösche quakten, wusste er, dass dies die Stimme des Bösen war, der sein Haus umlagerte und seine Seele betören wollte. Einmal war ihm der Teufel sogar in Gestalt einer dicken Kröte auf dem Mühlsteg begegnet und hatte ihn mit bösen Augen angesehen.

Dann war der schreckliche Tag gekommen. Der Schafpeter wurde abgeführt und in den Turm nach Neustadt gebracht. Seine Taten waren bekannt geworden. Daraufhin wurde er vor Gericht gestellt und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Mit Schaudern dachte der Mühlstoffel an den Tod des Hexenmeisters. Gierig leckten die Flammen an dem Scheiterhaufen empor. Der Herbstwind blies ins Feuer, Rauchschwaden zogen durch das Tal und das Volk gaffte und schrie. Der Mühlstoffel aber sah, wie die Seele des Schäfers in Rauch und Feuer über dem Breuberg schwebte, er hörte des Teufels lustige Tutey, und ein schauriges Lachen erklang aus den Lüften.

Traurig ging der Müller zurück in seine Mühle. Der Teufel ließ ihn nicht mehr los. Als er am Walpurgis-Tag, das ist der letzte Tag im April, sein Mühltürchen öffnete, saß da wieder die dicke Kröte und sah ihn heimtückisch mit ihren Glotzaugen an. Dieses Wissen machte ihn trübsinnig. Er vernachlässigte seine Mühle. Vergebens kamen die Bauern aus seinem Mühlbann (Bann = Bezirk) und verlangten ihr Mehl. Der Müller saß in der Stube bei seinem Weinkrug und führte gar seltsame Reden von des Teufels Tutey und von dem toten Schafpeter. Kopfschüttelnd nahmen die Bauern ihr Korn wieder mit und brachten es in die Rosenmühle. Bei einem Gespensterseher konnten sie keine Kunden sein, auch wenn sie als Erbacher Untertanen zu seinem Mühlbann gehörten.

Der Stoffel aber erzählte weiter vom Teufel und seinen vielen Gesellen. Als er einmal in Neustadt in einer Schenke saß, und schon einige Becher Breuberger Wein getrunken hatte, fing er plötzlich an zu seufzen, zu schluchzen und zu jammern. Dabei erzählte er auch, dass er Umgang mit dem Teufel hat. Er plauderte alles aus, was ihm einst der Schafpeter anvertraut hatte. Er erzählt alles so, als ob er es selbst erlebt habe und dabei gewesen sei. Er beteuerte mehrmals vor allen, dass er die Wahrheit sage. Er wisse wohl, daß er verbrannt werde. Das wäre ihm aber recht so, dann hätte er endlich seine Ruhe.

Schnell hatte es sich im Breuberger Land herum gesprochen, dass der Mühlstoffel ein Geständnis abgelegt hat. Die Leute murrten und mieden ihn. Bald darauf wurde er in den Turm geworfen. Seine Aussagen wurden zu Protokoll genommen, und dem Grafen von Erbach vorgelegt. Der war ein weiser und frommer Mann. Er glaubte nicht so recht an das, was die Leute in jenen unruhigen Zeiten alles über die Hexerei erzählten. Er wollte nicht, dass in seinem Land Frauen und Männer gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.

Er konnte aber das Geständnis des Mühlstoffels nicht einfach übergehen. Deshalb übergab er die Akten einem berühmten Frankfurter Rechtsgelehrten. Den bat er um seine Meinung in diesem Fall. Der prüfte alles gewissenhaft und fällte dann sein Urteil. Er schrieb an den Grafen, dass die Aussage des Müllers über die Hexerei wohl eher einer Träumerei als der Wahrheit entspräche. Da jedoch der Müller ein gottloser Mensch sei, und sich auch anderer Vergehen bezichtigt habe, müsse er hierzu ernsthaft befragt werden.

Wenn der Stoffel Benz aber von seinen beim Wein gemachten Aussagen abrücke, dann könne alles gut ausgehen für ihn. Wenn er sein Geständnis freiwillig widerruft, dann darf er nicht gefoltert werden. In diesem Sinne fällte der Graf das Urteil. Der Müller musste die aufgelaufenen Prozesskosten und dem Botenlohn erstatten. Er musste Urfehde schwören. Das heißt, er musste das Urteil bedingungslos anerkennen und durfte niemals dagegen vorgehen.

Der Stoffel Benz zog sich in seine Mühle zurück. Er mied von nun an die Menschen. Wenn ihn seine Gesichter überkamen, wenn er nachts den Schäfer und die Teufelskröte sah, wenn er des Teufels Tutey durch den Wintersturm zu hören glaubte, dann schlich er in seine Mahlstube, wo das Geklapper der Räder und das Ächzen der schweren Steine die seltsamen Stimmen in seinem Innern übertönte. Ganz still aber wurden diese Stimmen erst, als wenige Jahre später der Tod den Müller von seinem Wasserrad und Mahlstuhl abberief.

Seitdem geht, so sagen die Leute im Breuberger Land, der alte Mühlstoffel in der Erbacher Bestandsmühle um. Ruhelos poltert er durch den Wasserbau und steigt ächzend über die knarrenden Stiegen. Seine Unruhe blieb wie ein böses Vermächtnis in der Mühle. Niemand hielt es dort lange aus. Die Mahlknechte wechselten von Jahr zu Jahr, und nur wenige Bauern brachten noch ihr Korn zum Mahlen. Erst nach hundert Jahren schwand die Unruhe und die Erinnerung an den Hexenmüller im Gedächtnis des Volkes, und die Mühle und ihre Besitzer erhielten wieder einen ehrlichen Namen.