Atmosphäre der Kirche selbst gestalten

Der Regen machte am vergangenen Sonntag (31. 1.) eine Pause. Also, nichts wie raus, aber wohin? Nach kurzem Überlegen habe ich mich entschlossen, von meiner alten Heimat Lengfeld aus, einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Nach einem längeren „Umweg“ war ich dann, so wie die Einheimischen sagen „uff’em Hering“, Neudeutsch: Otzberg-Hering. Und wie so oft, wenn ich „uff’em Hering“ bin, gehe ich gerne mal in die evangelische Kirche. Ich bin sehr gerne in dieser Kirche, die immer offen ist, was für ev. Kirchen nicht selbstverständlich ist. Dazu kommt noch das zweisprachige Hinweisschild am Eingang: „Kirche offen/Kersch is uff“, das mich als Mundartsprecher besonders anspricht, denn wo kann ich sonst noch ein Hinweisschild in meiner Muttersprache lesen? Und das Besondere für mich ist der Raum, die Stille und die Atmosphäre in diesem Gotteshaus. Hier kann man so richtig Abschalten, Entspannen und Auftanken.
Als ich an diesem Sonntag die Kirche betrat, fiel mir sofort ein farbiges Display auf, das hinter der letzten Bank zu sehen war. Neugierig wie ich nun mal bin habe ich mir dieses Display näher angeschaut und sogleich auch ausprobiert. Die Bedienung ist denkbar einfach und erfordert keinerlei Vorkenntnisse.

Das Display zeigt das Hauptmenü. Wenn man einen Button antippt, wird die nächste Ebene gezeigt in der die jeweiligen Inhalte angezeigt werden. Ich habe zunächst einmal Stimmungen & Farben und dann Lieder & Musik gewählt – und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Altarraum wird in das gewählte warme, weiche Licht getaucht und die Musik erklang in einer sehr guten Tonqualität – einfach toll. Ich war von den weiteren Inhalten, von denen ich mir einige angesehen habe, sehr angetan.

Das Ganze wird möglich durch MediaKi, ein mediales Kirchensystem, das dem Besucher die Möglichkeit eröffnet, die Kirche nach persönlicher Zeiteinteilung zu besuchen und sich mittels Bildschirm individuelle Meditationen, Andachten oder Musik aufzurufen, die seiner momentanen Stimmung und Situation entsprechen. Trauer, Freude, Dankbarkeit, Verzweiflung oder Wut – je nach eigener Befindlichkeit werden die gewählten Wortbeiträge mit Musik und visueller Untermalung unterstützt. Durch dezente Farb- und Lichtanimationen im Zusammenspiel mit Klang und Text erfährt der Kirchenraum damit eine ganz besondere Atmosphäre, die eben zum stillen Gebet oder zur persönlichen Begegnung mit Gott ermutigen soll

 

Wie kam die „Mediale Kirche“ in den Odenwald?

„MediaKi“, das ist die Abkürzung für ein mediales Kirchensystem, macht es möglich. Die meisten der 16 Kirchengemeinden, in Deutschland die „MediaKi“ installiert haben, nutzen die immer ökumenisch ausgerichteten Inhalte als Grundkonzept und erweitern nach und nach ihre Angebote. Durch die Vernetzung der teilnehmenden Gemeinden werden nicht nur inspirierende Ideen weitergegeben, auch Andachten, Meditationen, Kindergeschichten, Gebete und umgesetzte Projekte können aus einem umfassenden Repertoire geschöpft werden. Jede Kirchengemeinde hat aber auch die Möglichkeit eigene Themenschwerpunkte oder Projekte umzusetzen.

2018 erschien in der „Evangelischen Sonntagszeitung“ ein Artikel über „MediaKi“. Pfarrer Alfred Schwebel und die Kirchenvorstandsvorsitzende Sabine Kuhn lasen unabhängig voneinander den Artikel. Beide hatten den gleichen Gedanken: Warum nicht eine mediale Kirche bei uns in Hering?. Dieser Gedanke ließ die Beiden nicht mehr los, doch bis sich dieses Projekt realisieren ließ, mussten einige Steine aus dem Weg geräumt werden. Anfang Dezember 2020 war es dann soweit. Die „Mediale Kirche“ ist offen für Alle, ob es nun Einheimische sind, oder Auswärtige die in den Otzberger Ortsteil Hering kommen, das spielt dabei keine Rolle.

Die Besucher dürfen sich gerne in das Gästebauch eintragen.


 

Die evangelisch reformierte Kirche zu Hering

 

Seit 1700 wurde die jetzige katholische Pfarrkirche Mariä Geburt, unterhalb der Veste Otzberg, als Simultankirche von evangelischen und katholischen Christen genutzt. Diese Kirche wurde für die evangelische Kirchengemeinde zu klein. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entschloss sich die evangelische Konfession zu einem Neubau. 1844 gab es hierzu die ersten Planungen. Doch erst 54 Jahre später, 1898, erwarb die Kirchengemeinde ein Baugrundstück. Am 27. Mai 1899 war der „Erste Spatenstich“. Im gleichen Jahr, am 25. Juni, wurde der Grundstein gelegt. Mit dem Bau ging es zügig voran, so dass bereits am 8. November 1900 die Kirche eingeweiht werden konnte.

Unter der Leitung von Baumeister Baron von Riefel, Dieburg, wurde die Kirche aus rotem Sandstein im Neuromanischen Stil erbaut. In der Kirche gibt es 170 Sitzplätze. Die vier Glocken im Kirchturm läuten in den Tönen a, c, d und e.

Am 23. Juli 1902 wurde mit der Orgelbaufirma Gebrüder Link, Giengen, der Vertrag zum Bau einer Orgel geschlossen, die am 10. Mai 1903 eingeweiht wurde. Im Juli 1917 wurden die Orgelpfeifen und zwei der drei Glocken für Kriegszwecke ausgebaut. An Pfingsten 1938 spielte die Orgel erstmals mit den neu eingebauten Orgelpfeifen von Orgelbauer Bechmann.

 

Die Fenster

Wie in allen reformierten Kirchen üblich, ist der Innenraum schlicht gestaltet. Außergewöhnlich und bemerkenswert sind die drei Buntglasfenster im Chorraum der Heringer Dorfkirche. Die Inschrift besagt, dass die Fenster von „B. Kraus, Mainz“ gestaltet wurden. Hergestellt wurden sie in der „Mayersche kgl. Hof-Kunstanstalt, München“.

Das linke Fenster zeigt den Apostel Johannes und wurde von dem Fabrikant Guntermann, Bensheim, (vormals Hering), gestiftet.

Das mittlere Fenster zeigt Jesus Christus als den auferstandenen Herrn. Gestiftet wurde es von Brauereibesitzer Georg Bernhard Ganß III. aus Groß-Umstadt.

Das rechte Fenster zeigt den Apostel Jakobus und wurde von einer bayerischen Prinzessin gestiftet.