Das Odenwälder Lieschen, ca. 1960,

 

Eisenbahn-Anekdoten

Nach dem die Odenwaldbahn 1871 ihre Fahrt aufgenommen hatte, war es für die Odenwälder kein Problem mehr, in die Residenzstadt Darmstadt zu kommen. Umgekehrt war es den Städtern nun auch möglich, bequem in den Odenwald zu reisen. Durch den Bau der Nebenstrecken, wie z.B. die Gersprenztalbahn, besser bekannt als das „Odenwälder Lieschen“, waren dann auch die etwas abseits gelegenen Seitentäler mit der Bahn gut zu erreichen. Die 18  km lange Nebenstrecke von Reinheim nach Reichelsheim wurde bereits am 10. Oktober 1887 eingeweiht.
Über die Eisenbahnen im Odenwald gibt es viele Anekdoten. Drei davon möchte ich hier erzählen.

 

Die Eisenbahn überlistet

Der „Schorsch vun Messboach“ ist nach Groß-Bieberau an den Bahnhof gelaufen und mit dem „Odenwälder Lieschen“ nach Reinheim gefahren. Dort ist er umgestiegen und weiter nach Darmstadt-Ostbahnhof, das war der „Landeplatz“ der Odenwälder, gefahren.
Er hat in Darmstadt seine, ach so wichtigen, Geschäfte erledigt. Das ging viel schneller als geplant. Am Ostbahnhof stellte er fest, dass der nächste Zug nach Reinheim erst in vier Stunden ging. Vier Stunden am Bahnhof rum sitzen und warten, das war ihm viel zu lange. „In der Zeid konn isch aach hoamlaafe“, dachte er, und machte sich auf die Socken.
Als er in Meßbach eintraf, war seine Frau sichtlich überrascht, denn sie hatte noch nicht mit seiner Ankunft gerechnet. „Ei, Schorsch, du bist joa schonn do“ stellte sie erstaunt fest.
Der Schorsch konnte sich ein breites Griensen nicht verkneifen und sagte: „Heit häwwich die Eisebahn beluurt. Ich häb in Biwera geläist: Ostbahnhouf un rädur. Un jetzt bin ich haom gelaafe. Die wern am Ostbahnhouf stäih und schäi uff mich wadde!“

 

Zwei Sorten Kartoffel

Den Odenwäldern war der Anbau von Kartoffeln vertraut. Allerdings kennen die Städter meistens nur das Endprodukt und wissen gar nicht so genau, wann und wo Kartoffeln wachsen und wie die Pflanzen eigentlich aussehen.
Bei bei Sonntagsausflug geht ein Darmstädter mit seiner Familie im Odenwald spazieren. Da entdeckt er Kartoffelfelder die in herrlichster Blüte stehen. Nur eines macht ihn stutzig. Die einen blühen rosa, die anderen blühen weiß.
Hilfesuchend wendet er sich an einen Bauern der des Weges kommt. „Könnte Sie mir saache, warum die Pflanze a in unnerschiedliche Farbe blühe?“
„Ei gewiss konn isch däs, werder Herr. Aus dem ahne Kraut wern die Gereesde gemacht und aus dem anndern die Gequellde!“

 

Wo überwintern denn die Schweine?

Die Darmstädter sind sonntags gerne mal mit Kind und Kegel in den Odenwald gefahren. Ganz schlaue Bauern haben sich sofort darauf eingestellt. So wurden die Obstwiesen am Haus in den Sommermonaten zu Gartenwirtschaften umfunktioniert. Außer dem hausgemachten Apfelwein wurden auch Kleinigkeiten zum Essen angeboten. Selbstgebackenes Brot, Schinken, Wurst, Kochkäse und gebackene Eier waren bei den Ausflüglern sehr beliebt.
Für die Kinder gab es auf den Bauernhöfen viel zu zu entdecken. Freilaufende Hühner, Gänse und Enten, Kühe und Schweine auf der Weide, das kannten die Kinder so nicht. Besonders die Schweine mit ihren großen Ohren und den Ringelschwänzchen hatten es des Kindern angetan.
„Papa, weißt Du wo die Schweine überwintern?“
„Nein“, sagte der Vater, „das weiß aach nett, da muss ich mal de Bauer fraache.“
Beim Bezahlen nutzte er die Gelegenheit und fragte den Bauern: „Mein Sohn würd gern wisse, wo Ihne Ihr Schweine üwwerwintern.“
„Unser Sai“, sagte der Bauer mit einem verschmitzten Lächeln, „unser Sai, die iwwerwindern in Bixse unn Gläser.“